Schenkelhalsbruch muss kein Schicksal sein
Altersgruppe ab 70 besonders gefährdet

Schenkelhalsbruch ist der häufigste Bruch bei älteren Menschen ab 70 Jahren. Jährlich erleiden rund 50.000 Menschen in Deutschland eine Fraktur des Schenkelhalses. Neben den durch den Bruch entstehenden akuten Einschränkungen stellen Nebenerkrankungen eine zusätzliche Belastung für den Organismus dar. Diese können den Heilungsverlauf erheblich beeinflussen.

Verursacht wird ein Schenkelhalsbruch in der Regel durch einen Sturz - beispielsweise wegen einer Unterzuckerung, neurologischer Ausfälle oder weil die motorischen Fähigkeiten altersbedingt geschwächt sind. Betroffene Personen leiden oft schon einige Zeit an anderen Erkrankungen, wie etwa einer Herzschwäche, eingeschränkter Nierenfunktion oder Diabetes mellitus.

Der Körper hat die verschiedenen Erkrankungen meist schon länger ausgeglichen. Durch den Sturz und den entstandenen Bruch wird dieses Gleichgewicht gestört, was wiederum zur sogenannten Dekompensation führt. Das heißt, die Organsysteme sind überfordert – die Funktion lebenswichtiger Organe (Herz, Lunge, Niere) kann im Zuge der Behandlung extrem eingeschränkt werden. Vor 80 Jahren führte ein Schenkelhalsbruch daher unweigerlich zum Tod, weil man die Begleitreaktionen nicht behandeln konnte.

Auch heute bleibt diese Verletzung kritisch. Innerhalb des ersten Jahres nach dem Bruch versterben ein Viertel der Betroffenen, ein weiteres Viertel verliert dauerhaft ihre Selbstständigkeit. Grund dafür sind weder der Bruch noch die operative Behandlung an sich, sondern eine schon vorher bestehende Schwächung der jeweiligen Person. Daher ist und bleibt es essentiell, den Schenkelhalsbruch schnellstmöglich und professionell zu behandeln.

Wo genau kommt es zum Bruch?

Der Schenkelhals ist das schmale Knochenstück zwischen Gelenkkopf und dem sogenannten Rollhügel (Trochanter major und minor). Der Bruch entsteht genau an diesem schmalen Knochenstück. Der Hüftkopf wird von umliegenden Blutgefäßen, welche an dem Schenkelhals aufwärts in den Hüftkopf verlaufen, mit Nährstoffen versorgt. Durch die Verletzung kann es zu einer Unterversorgung der Durchblutung des Knochens kommen. Die Folge ist ein Absterben des körpereigenen Hüftkopfes. Dieses Absterben des Knochens wird als Hüftkopfnekrose bezeichnet.

Muss wirklich jeder Schenkelhalsbruch operiert werden?

Junge Patienten können in der Regel hüftkopferhaltend operiert werden. Bei älteren Menschen wird der Schenkelhalsbruch in den meisten Fällen mit dem Einsatz eines künstlichen Gelenks, einer Endoprothese, versorgt. Es gibt zwar eine ganz seltene Bruch-Art des Schenkelhalses, die tatsächlich konservativ behandelt werden kann, 98 Prozent der Fälle können jedoch nur mit einer Operation therapiert werden. Die Leitlinien der Gesellschaft für Unfallchirurgie sind hier sehr klar: Dieser Bruch ist zu operieren.

Bei der Entscheidung über die Behandlungsart geben Alter, Art des Bruches, der Patientenwunsch, aber auch die Wahrscheinlichkeit der Hüftkopfnekrose den Ausschlag. Diese hängt davon ab, wie stark Gelenkkopf und Oberschenkelhals durch den Bruch verschoben wurden. Je stärker die beiden auseinanderliegen, desto mehr Bänder und Gefäße sind abgerissen und desto wahrscheinlicher ist es, dass der Gelenkkopf abstirbt. Dies ist mit ein Hauptgrund, weswegen bei älteren Patienten häufig die Endoprothese eingesetzt wird, um eine weitere Operation im Nachgang zu vermeiden.

Die Operation

Jüngere Patienten haben eine Chance auf eine sogenannte hüftkopferhaltende Operation. Hintergrund ist, dass die Knochenheilung an sich noch ausreichend ist, um ein erneutes Zusammenwachsen zu ermöglichen. Gleichzeitig soll ein Kunstgelenk vermieden werden. Würde zum Beispiel einem 40-Jährigen bereits eine Endoprothese eingesetzt, müsste dieses nach etwa 20 Jahren ausgewechselt werden – und nach weiteren 20 Jahren noch einmal. Ziel ist es daher, solche Folgewirkungen zu vermeiden und das Gelenk möglichst zu erhalten.

Deutschlandweit existiert ein Qualitätssicherungsmodul für die Versorgung hüftgelenksnaher knöcherner Verletzungen. Bei Brüchen dieser Art sollte innerhalb von 24 bis 48 Stunden operiert werden, um das Auftreten sekundärer Komplikationen, etwa einer Lungenentzündung, zu vermeiden. Die Leitlinie der Gesellschaft für Unfallchirurgie empfiehlt die hüftkopferhaltende Operation bei Brüchen des Schenkelhalses innerhalb von sechs Stunden, um das Risiko einer Hüftkopfnekrose zu verringern.

Für die Versorgung mit einer Endoprothese bieten sich entweder eine Total-Endoprothese oder eine Teil-Prothese an. Beim Einsatz einer Teil-Prothese wird ein Schaft in den Oberschenkelknochen eingesetzt und darauf der künstliche Hüftkopf aufgesetzt. Dieser künstliche Kopf wird in die körpereigene Hüftgelenkspfanne eingesetzt. Durch eine Total-Endoprothese werden Hüftpfanne und -kopf bzw. Schenkelhals ersetzt. Die Operation dauert je nach Eingriffsart zwischen 30 Minuten und eineinhalb Stunden.

Die Zeit danach

Bereits am ersten Tag nach der Operation wird der Patient vom Pflege- und Physiotherapie-Team mobilisiert. Der stationäre Aufenthalt beträgt sieben bis 14 Tage - je nachdem, wie schnell die Person wieder stabilisiert und ein Platz in der Rehabilitationsklinik frei ist. Die Rehabilitation dauert drei Wochen und kann je nach Situation auf insgesamt vier Wochen verlängert beziehungsweise ambulant fortgesetzt werden.

Die Hälfte der Patienten kann nach der Operation vollständig in ihren Alltag zurückkehren. Natürlich müssen sie sich zu Beginn an das neue Gelenk gewöhnen. Es ist eine spürbare Veränderung, aber keine, mit der man langfristig nicht zurechtkäme.

Prävention ist das A und O

Ein Schenkelhalsbruch ist sehr schmerzhaft und trotz aller medizinischen Möglichkeiten auch heute nicht selten eine echte Lebensbedrohung. Daher liegt es nahe, das Sturzrisiko so weit wie möglich zurückzudrängen. An präventiven Maßnahmen sind zu empfehlen:

1. Bewegung mit Förderung von Kraft und Balance

Am effizientesten ist eine Trainingstherapie mit Einsatz von Kraftmaschinen, die zwei- bis dreimal pro Woche durchgeführt wird. Damit kann eine deutliche Verbesserung der Kraft- und Gehgeschwindigkeit bei gleichzeitiger Verringerung von Angst und Sturzhäufigkeit erreicht werden.

2. Anpassung der häuslichen Umgebung

Beseitigung von Stolperfallen, wie Leisten und Türschwellen oder Teppichen. Das Anbringen von bewegungsgesteuerten Nachtlampen in Gängen und rutschfesten Badematten in Badewanne oder Dusche sowie Handläufen oder Geländer an Treppen. Im Alltag sollte Hektik vermieden werden, sowie Situationen, die eine geteilte Aufmerksamkeit fordern. All das trägt zu einer Reduktion des Sturzrisikos bei.

3. Prüfung von Sehleistung, Vorerkrankung und Medikamenteneinnahme

Der negative Einfluss von lang wirksamen Benzodiazepinen, hochpotenten Neuroleptika und antizyklischen Antidepressiva ist dokumentiert. Diese Medikamentengruppen sollten entweder effektiv durch andere Substanzklassen oder durch Präparate mit günstigerem Nebenwirkungsprofil ersetzt werden. Für die Anpassung von Herz-Kreislauftherapeutika, muss ein Kompromiss zwischen der Behandlung der Herz-Erkrankung und einer möglichen Erhöhung des Sturzrisikos gefunden werden. Hinsichtlich des Knochenstoffwechsels sollte auf eine ausreichende Nahrungszufuhr von Kalzium und Vitamin D geachtet werden.

4. Hüftprotektoren

Unumstritten ist der Einsatz von Hüftprotektoren. Diese speziell gepolsterte Kleidung hat biomechanische Eigenschaften, die einen Schenkelhalsbruch im Falle eines Sturzes bis zu 90 Prozent verhindern können.



DR. MED. OLIVER HERRMANN
CHEFARZT HESSING KLINIK FÜR UNFALLCHIRURGIE
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